Warum gibt es staatlich organisierte Ausbildungsberufe in der Land- und Forstwirtschaft, dem Gartenbau und dem Garten- und Landschaftsbau, aber nicht in der Baumpflege? Die Diskussion hierüber soll hiermit erneut angeregt werden.
Es stimmte schon nachdenklich, als in den 80er Jahren, den Hochzeiten der so genannten "Baumchirurgie", ein Hochschulkollege im Vorfeld der Osnabrücker Baumpflegetage den provokativen Satz formulierte:
"Baumpflege ist lukrativer Vandalismus!".
Die Wellen schlugen damals hoch und viele fragten sich, was bewegt einen offensichtlichen Kritiker der Baumpflegeszene zu einer derartig deutlichen Aussage?
Im Verlauf belegten viele wissenschaftliche Studien bei der Lösung spezieller Fragestellungen die Gültigkeit dieser Aussage im Kern, auch wenn viele Baumpfleger dies bis heute nicht erkennen können oder wollen.
Es ist der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (FLL) zu verdanken, dass sie sich über die fachliche Ausein-andersetzung bei der Formulierung von Regelwerken – unter anderem der ZTV-Baumpflege oder der Baumkontrollrichtlinie – für die fachliche Weiterentwicklung des Berufsfeldes eingesetzt hat.
Spezialisierte Ausbildung für Spezialwissen nötig
Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum es zum Beispiel staatlich organisierte Ausbildungsberufe in der Land- und Forstwirtschaft, dem Gartenbau und dem Garten- und Landschaftsbau gibt, aber nicht in der Baumpflege?
Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung vieler Tätigkeiten des Baumpflegers ist deutlich geworden, dass dieses Spezialwissen in der Tat eine Spezialisierung der Ausbildung mit der Erschließung spezieller Berufsfelder nach sich ziehen muss.
Dieses ist bereits auf Hochschulebene passiert, indem zum Beispiel die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen einen Bachelor-Studiengang "Arboristik" oder die Beuth Hochschule für Technik Berlin einen Masterstudiengang "Urbanes Pflanzen- und Freiraum-Management" erfolgreich eingeführt haben.
Dennoch scheinen nach wie vor die notwendigen Anpassungen auf anderen Ebenen noch zu fehlen, um der Disziplin "Baumpflege" in Gänze auch den notwendigen gesellschaftlichen Stellenwert zu geben.
Dies verdeutlichen auch Auszüge aus einem Leserbrief von Annette Michel (Fachagrarwirtin für Baumsanierung & Baumpflege) aus Düsseldorf, der im Vorfeld der letzten Vorstandssitzung des ISA-Chapter Germany den ISA-Präsidenten erreicht hat:
Ausbildungsberuf scheint nicht gewollt
"...Ist ein Ausbildungsberuf wirklich gewollt? Woran liegt es, das bis jetzt kein Verband, keine Lehr – und Versuchsanstalt, kein einflussreicher, namhafter Doktor oder Professor einen ernsthaften Versuch gestartet hat, das Thema Ausbildungsberuf Baumpflege an den 'runden Tisch' zu bekommen und den daraus folgenden ersten Schritt zu gehen?
Sind es die jeweiligen wirtschaftlichen Interessen?
Ist es die persönliche Eitelkeit, die gestillt werden will? Oder fehlt einfach der Mumm?
Die individuellen Antworten kann ich mir nur denken, eine Antwort ist für mich gewiss: Ein Ausbildungsberuf Baumpflege scheint nicht gewollt. Denn dann würde ein Ausbildungsberuf schon längst existieren, dann hätte man den Baum und dessen Erhaltung und das Wissen darum, an die erste Stelle gesetzt.
So schießen die Ausbildungszentren und Kletterschulen wie "KIK"-Geschäfte aus dem Boden, jeder, der einen Prusik kann, nennt sich mittlerweile Baumpfleger, kann jedoch eine Fichte nicht von einer Tanne unterscheiden...
Schade ist auch, dass offensichtlich die Quantität gefördert wird und nicht die Qualität, wer soll bitte die neuesten Forschungsergebnisse kompetent umsetzen? Der kletternde Bäcker oder Schornsteinfeger?
Ich könnte noch Seiten schreiben, mein Frust ist, was die Entwicklung in der Baumpflege und die Blindheit in Sachen Ausbildungsberuf angeht, sehr groß. Seit Jahren verfolge ich den für mich 'negativen' Trend in unserer Branche und es macht mich traurig und zornig.
Gerne bin ich bereit, mich für das Thema "Ausbildungsberuf Baumpflege" einzusetzen, denn alle anderen Themen sind für mich am Thema vorbei. Bis dahin trete ich aus der ISA aus, beiliegend meine Austrittsgesuch.
Ich möchte mit Goethes Worten schließen: Erfolg hat drei Buchstaben T U N.”
Die Diskussion erneut anschieben
Als Präsident der ISA, Chapter Germany, möchte ich erneut die Diskussion um die fachliche Weiterentwicklung der Baumpflegepraxis und Ausbildung in diesem Bereich anschieben.
Die Klettermeisterschaften der ISA tragen seit Jahren national und international dazu bei, dass das breite Bemühen um den Erhalt von Bäumen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
Aber es braucht daneben auch noch weitere Aktivitäten – frei von ökonomischen Interessen – um in der Sache voran zu kommen. Ich freue mich auf die Diskussion.
Prof. Dr. Hartmut Balder, Präsident der ISA Chapter Germany
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