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4. 4. 2011

Ausbildungsberuf "Baumpfleger" überfällig?

Warum gibt es staatlich organisierte Ausbildungsberufe in der Land- und Forstwirtschaft, dem Gartenbau und dem Garten- und Landschaftsbau, aber nicht in der Baumpflege? Die Diskussion hierüber soll hiermit erneut angeregt werden.

Es stimmte schon nachdenklich, als in den 80er Jahren, den Hochzeiten der so genannten "Baumchirurgie", ein Hochschulkollege im Vorfeld der Osnabrücker Baumpflegetage den provokativen Satz formulierte:
"Baumpflege ist lukrativer Vandalismus!".
Die Wellen schlugen damals hoch und viele fragten sich, was bewegt einen offensichtlichen Kritiker der Baumpflegeszene zu einer derartig deutlichen Aussage?
Im Verlauf belegten viele wissenschaftliche Studien bei der Lösung spezieller Fragestellungen die Gültigkeit dieser Aussage im Kern, auch wenn viele Baumpfleger dies bis heute nicht erkennen können oder wollen.
Es ist der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (FLL) zu verdanken, dass sie sich über die fachliche Ausein-andersetzung bei der Formulierung von Regelwerken – unter anderem der ZTV-Baumpflege oder der Baumkontrollrichtlinie – für die fachliche Weiterentwicklung des Berufsfeldes eingesetzt hat.

Spezialisierte Ausbildung für Spezialwissen nötig

Dennoch muss die Frage erlaubt sein, warum es zum Beispiel staatlich organisierte Ausbildungsberufe in der Land- und Forstwirtschaft, dem Gartenbau und dem Garten- und Landschaftsbau gibt, aber nicht in der Baumpflege?
Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung vieler Tätigkeiten des Baumpflegers ist deutlich geworden, dass dieses Spezialwissen in der Tat eine Spezialisierung der Ausbildung mit der Erschließung spezieller Berufsfelder nach sich ziehen muss.
Dieses ist bereits auf Hochschulebene passiert, indem zum Beispiel die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen einen Bachelor-Studiengang "Arboristik" oder die Beuth Hochschule für Technik Berlin einen Masterstudiengang "Urbanes Pflanzen- und Freiraum-Management" erfolgreich eingeführt haben.
Dennoch scheinen nach wie vor die notwendigen Anpassungen auf anderen Ebenen noch zu fehlen, um der Disziplin "Baumpflege" in Gänze auch den notwendigen gesellschaftlichen Stellenwert zu geben.
Dies verdeutlichen auch Auszüge aus einem Leserbrief von Annette Michel (Fachagrarwirtin für Baumsanierung & Baumpflege) aus Düsseldorf, der im Vorfeld der letzten Vorstandssitzung des ISA-Chapter Germany den ISA-Präsidenten erreicht hat:

Ausbildungsberuf scheint nicht gewollt

"...Ist ein Ausbildungsberuf wirklich gewollt? Woran liegt es, das bis jetzt kein Verband, keine Lehr – und Versuchsanstalt, kein einflussreicher, namhafter Doktor oder Professor einen ernsthaften Versuch gestartet hat, das Thema Ausbildungsberuf Baumpflege an den 'runden Tisch' zu bekommen und den daraus folgenden ersten Schritt zu gehen?
Sind es die jeweiligen wirtschaftlichen Interessen?
Ist es die persönliche Eitelkeit, die gestillt werden will? Oder fehlt einfach der Mumm?
Die individuellen Antworten kann ich mir nur denken, eine Antwort ist für mich gewiss: Ein Ausbildungsberuf Baumpflege scheint nicht gewollt. Denn dann würde ein Ausbildungsberuf schon längst existieren, dann hätte man den Baum und dessen Erhaltung und das Wissen darum, an die erste Stelle gesetzt.
So schießen die Ausbildungszentren und Kletterschulen wie "KIK"-Geschäfte aus dem Boden, jeder, der einen Prusik kann, nennt sich mittlerweile Baumpfleger, kann jedoch eine Fichte nicht von einer Tanne unterscheiden...
 Schade ist auch, dass offensichtlich die Quantität gefördert wird und nicht die Qualität, wer soll bitte die neuesten Forschungsergebnisse kompetent umsetzen? Der kletternde Bäcker oder Schornsteinfeger?
Ich könnte noch Seiten schreiben, mein Frust ist, was die Entwicklung in der Baumpflege und die Blindheit in Sachen Ausbildungsberuf angeht, sehr groß. Seit Jahren verfolge ich den für mich 'negativen' Trend in unserer Branche und es macht mich traurig und zornig.
Gerne bin ich bereit, mich für das Thema "Ausbildungsberuf Baumpflege" einzusetzen, denn alle anderen Themen sind für mich am Thema vorbei. Bis dahin trete ich aus der ISA aus, beiliegend meine Austrittsgesuch.
Ich möchte mit Goethes Worten schließen: Erfolg hat drei Buchstaben T U N.”

Die Diskussion erneut anschieben

Als Präsident der ISA, Chapter Germany, möchte ich erneut die Diskussion um die fachliche Weiterentwicklung der Baumpflegepraxis und Ausbildung in diesem Bereich anschieben.
Die Klettermeisterschaften der ISA tragen seit Jahren national und international dazu bei, dass das breite Bemühen um den Erhalt von Bäumen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
 Aber es braucht daneben auch noch weitere Aktivitäten – frei von ökonomischen Interessen – um in der Sache voran zu kommen. Ich freue mich auf die Diskussion.
Prof. Dr. Hartmut Balder, Präsident der ISA Chapter Germany

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Albrecht Bühler, 4. Apr. 2011 um 12:30
u: Ausbildungsberuf „Baumpfleger“ überfällig?
Es gibt immer wieder die Frage nach einer Berufsausbildung in der Baumpflege. Müssen wir darauf wirklich warten - oder gibt es schon ausreichend Möglichkeiten fachliche Kenntnisse zu erwerben?
Das Tätigkeitsfeld Baumpflege befindet sich in einer Schnittmenge zwischen den Ausbildungsberufen Forstwirt und Gärtner. Beide Berufe gehören zum Sektor Landwirtschaft. Die Berufsausbildung Gärtner erfolgt in 7 verschiedenen Fachsparten, eine davon ist der Garten- und Landschaftsbau, dem die meisten in Deutschland tätigen Baumpflegebetriebe zugerechnet werden können.
Eine eigenständige Berufsausbildung Baumpflege als duale, dreijährige Ausbildung, wurde bislang nicht geschaffen und es besteht auch keinerlei Aussicht darauf. Derzeit gibt es in Deutschland 348 anerkannte Ausbildungsberufe. Neue Berufe entstehen über einen sehr aufwändigen Prozess, bei dem verschiedene Institutionen, Ministerien, Gewerkschaften und Berufsverbände einbezogen sind. Außerdem ist inzwischen die Einbindung in die europäische Bildungslandschaft zu berücksichtigen. Die Anzahl der anerkannten Ausbildungsberufe hat sich von 606 im Jahr 1971 auf derzeit 348 Berufe stark verringert.
Statt dessen haben sich in Deutschland in den letzten 30 Jahren ganz unterschiedliche Zweige im Berufsbild Baumpflege entwickelt, die aber immer darauf abzielten, die Qualität in der Ausführung zu verbessern und mit den jeweils aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verknüpfen.
Der Wunsch nach einer Ausbildung in der Baumpflege wurde Anfang der 1980er Jahre angestoßen durch neue Erkenntnisse zur Baumpflege von Prof. Alex Shigo. Bereits Mitte der 80 Jahre wurden beispielsweise in Heidelberg „geprüfte Baumpfleger“ in mehreren Fortbildungskursen ausgebildet. Die institutionelle Verankerung dieses Tätigkeitsfeldes in der Ausbildungslandschaft wurde 1993 mit dem Weiterbildungsberuf „Fachagrarwirt Baumpflege“ geschaffen. Seitdem können Personen mit einer Berufsausbildung aus dem Feld der landwirtschaftlichen Berufe sich in Lehrgängen auf den Abschluss „Fachagrarwirt Baumpflege“ vorbereiten und diesen erwerben.
Parallel dazu wurde auf europäischer Ebene Ende der 1990er Jahre die Ausbildung European Treeworker“ und “European Tree Technician geschaffen. Diese ist in 15 europäischen Ländern anerkannt. Im Unterschied zum Fachagrarwirt können diese Ausbildungsgänge auch von Personen besucht werden, die nicht über eine Berufsausbildung aus dem Bereich der grünen Berufe verfügen. Die notwendige Fachpraxis vor Besuch der Kurse kann in den Baumpflegebetrieben erworben werden. Innerhalb der „Initiative für Ausbildung“ sind bereits mehrere Betriebe zertifiziert, die diese praktische Ausbildung anbieten und systematisch durchführen (siehe www.initiative-fuer-ausbildung.de)
2004 wurde die FLL-Richtlinie zur Baumkontrolle herausgegeben. Darauf basierend entwickelte sich die Fortbildung zum zertifizierten Baumkontrolleur. Hier werden Personen geschult, die in der Baumkontrolle tätig sind. Seit Oktober 2003 wird sogar ein eigenständiger Studiengang für Arboristik an der Hochschule in Kassel angeboten.
Es zeigt sich also: Fundierte Aus- und Weiterbildung im Bereich der Baumpflege ist in Deutschland durchaus zu haben und sie wird auch nachgefragt. Dass sich in der Baumpflege trotzdem ein weites Spektrum an Ausführungsqualitäten in der Praxis präsentiert ist dadurch leider nicht zu verhindern. Jeder der eine Motorsäge hat und einen Hubsteiger bedienen kann, findet hier ein weiter Betätigungsfeld. Allerdings braucht er dazu auch Kunden, die ihn beauftragen. Zumindest bei den öffentlichen Auftraggebern ist in Zeiten der ZTV-Baumpflege längst ein sehr fundiertes Qualitätsbewusstsein in den Köpfen eingekehrt.
Helmut Warkentin, 4. Apr. 2011 um 12:34
Mit großem Interesse habe ich in der BaumZeitung Ihre Anregung gelesen, in der „Fachwelt“ öffentlich über die grundständige Ausbildung zum Baumpfleger nachzudenken. Bisher wurden diesbezügliche Überlegungen immer mit dem Hinweis abgetan, dass die zuständigen Stellen die existierende Anzahl der Ausbildungsberufe nicht erhöhen möchte. Eine breite Grundausbildung (z. B. Gärtner) soll durch eine spätere Fachausbildung (z. B. Fachagrarwirt) erweitert werden.
Dennoch finde ich es spannend und interessant, darüber zu diskutieren, ohne bisher selbst einen eigenen Standpunkt zu haben. Mein Vorschlag: Wäre es denkbar, eine Art "Symposium" zu veranstalten, auf dem die zuständigen Vertreter der einzelnen Interessengruppen (Gewerkschaften ,Fachverbände, Bildungsministerium, etc.) einmal ihre Positionen zu diesem Thema darlegen? Das Meinungsspektrum zu diesem Thema würde auch mich sehr interessieren. Wie stellen Sie sich den Meinungsaustausch vor? Auf jeden Fall begrüße ich Ihre Anregung zur Diskussion.
Maren Polzin, 4. Apr. 2011 um 12:55
Dem Beitrag „Ausbildungsberuf ‚Baumpfleger‘ überfällig?“ von Prof. Dr. Balder und dem darin zitierten Brief von Annette Michel, gibt es an Deutlichkeit kaum etwas hinzuzufügen. Außer vielleicht folgendes Praxisbeispiel, das die Notwendigkeit fachbezogener guter Ausbildung in der Baumpflege nur noch einmal unterstreichen kann:
Kürzlich wurde ich als Mitarbeiterin einer unteren Naturschutzbehörde gebeten, mir einen Ahornbaum auf einem Privatgrundstück anzusehen und fand ein Wohngrundstück vor, dass schon von Weitem die Begeisterung der Eigentümer für Bäume deutlich machte, die mit Bedacht gepflanzt und offensichtlich bisher gut gepflegt waren. Der Spitzahorn, gedacht als natürlicher Schattenspender für die Terrasse am Haus war das Sorgenkind. Etwa 15 Jahre alt und als Pflanzware in offensichtlich guter Qualität in diesen Garten gekommen, hatte er leider später im Sturm einen der unteren Hauptäste verloren und dabei den Stamm hinunter Rinde mit ausgerissen. DIESEN Schaden hat der Baum im Lauf der ver-gangenen ca. fünf Jahre im Wesentlichen überwallt. Soweit so gut, bis die besorgten Baumfreunde eine FACHfirma holten – dachten sie. Diese empfahl, den Baum nach diesem Astausbruch zu be-schneiden, entfernte zahlreiche große Äste und kürzte die Kronenreste ein. Keine der großen Schnitt-wunden hat der Baum bisher überwallen können. Der nun einsetzende entartete Wuchs von Reïtera-ten überall in der Krone veranlasste die Eigentümer Anfang 2010 erneut, eine Baumpflegefirma um Rat zu fragen. Die favorisierte den Rückschnitt des Baumes zur Unterstützung seiner Entwicklung und machte sich, trotz der Zweifel der Kunden, auch sofort und flink an die Arbeit; bei ca. -15°C! Zurück blieb ein ehemals gut gewachsener und nun zum „Kugelahorn“ verstümmelter Spitzahorn; der seine Wunden nicht oder nur unwesentlich überwallt und stattdessen mit dem massiven Befall durch Rotpustelpilze kämpft. Der wurde sicher auch gefördert durch die vielen unfachgerechten Schnitte, die zahlreiche Zapfen zurück ließen. Die Krone stellt sich völlig artuntypisch dar und weist wieder zahllose Reïterate auf.
Die Eigentümer baten -um die Zukunft ihres Baumes besorgt- nun die Behörde um eine Beurteilung seines Zustandes und um eine Empfehlung zum Umgang mit ihm. Die Antwort konnte nur lauten: fällen und ersetzen, um möglichst bald einen adäquaten schönen Baum an dieser Stelle zu haben - ein bitteres Resultat für die wohlwollenden Bemühungen um diesen ursprünglich schönen Baum und das Ergebnis der Arbeit sogenannter Fachfirmen, die oft auch noch das Logo des GALA-Bau-Verban-des tragen dürfen.
Das ziert manchmal sogar die Hubsteiger von Elektro- und ähnlichen Firmen, in deren Korb ungelern-te Mitarbeiter stehen und (Allee-)Bäume beschneiden, obwohl nicht sie sondern bestenfalls der Chef einen halben Tag Vorträge über Bäume anhörte und nun versucht, Engpässe in der Auftragslage zu überbrücken. Das Arbeitsergebnis solcher „günstigsten“ Anbieter, die immer wieder Ausschreibungen gewinnen, brauchen in Fachkreisen wohl keinen Kommentar…
Man kann nur hoffen, dass der von Prof. Balder zitierte Satz aus den 80er Jahren „Baumpflege ist lu-krativer Vandalismus“ endlich der Vergangenheit angehören möge. Aber dieses Hoffen begleitet die Fachwelt nun schon reichlich 25 Jahre, ein VIERTELJAHRHUNDERT(!), ohne dass sich Wesentliches geändert hat.
Thorsten Kruse-Feil, 8. Jun. 2011 um 18:28
Viel wichtiger als die fast nicht zu lösende Einführung eines neuen staatl.organisierten Ausbildungsberufes ist es meiner Meinung nach, zertifizierten Baumpflegern zu ständiger Weiterbildung zu motivieren und dem Kunden durch Qualitätssiegeln die Möglichkeit zu geben, die "Schlechten" von den "Guten" zu unterscheiden und der Öffentlichkeit viel mehr das Bewußtsein und das Wissen zu vermitteln, daß es ausgebildete Baumpfleger/innen gibt. "Fachagrarwirt- Was ist das denn?" höre ich fast täglich.
Matze P., 27. Jul. 2011 um 19:42
Ich finde es sehr schade, dass man in der heutigen Zeit der modernen Baumpflege und Baumsanierung erst den Weg über den GaLa-Bau oder die Baumschule gehen muss....Es ist meiner Meinung nach ein MUSS den Beruf des Baumpflegers als anerkannten Ausbildungsberuf, gerade auch für junge interressierte Schulabgänger, einzuführen... Grüner Gruß an alle Baumpfleger

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Die TASPO Baumzeitung ist das offizielle Mitteilungsorgan der ISA und berichtet über deren Aktivitäten.

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