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14. 6. 2011

Stadtbäume – auch künftig noch relevant?

Die Quantität und Qualität der Baumbestände sind auch ein Indikator für den Wohlstand unserer Gesellschaft. Notwendig ist eine Qualitätsinitiative, die auch die Wege zu einem funktionalen hochwertigen Grün zur Lebensraumgestaltung einer modernen Stadt aufzeigt.

 

 

Mit der Bepflanzung der Straße „Unter den Linden“ in Berlin begann 1647 der Siegeszug der Straßenbäume bei der Begrünung europäischer Städte. Kontinuierlich wurde vielerorts der Baumbestand erweitert und schrittweise der urbane Lebensraum den jeweiligen Bedürfnissen und örtlichen Möglichkeiten bis in die Neuzeit angepasst, auch unter dem Aspekt der Wertschätzung und Finanzierbarkeit der Baumpflanzungen in Form von prägenden Alleen, Platzbepflanzungen, Parks, Siedlungsgrün sowie Dachbegrünungen. Somit ist die Quantität und Qualität der Baumbestände auch ein Indikator für den Wohlstand unserer Gesellschaft.

Gewünscht sind jedoch heute nicht nur allein ihre gestalterischen Funktionen, sondern zunehmend ihr gezielter Einsatz zur Klimaregulierung der überhitzten Stadt, zur Luftreinhaltung durch Schadstoffbindung sowie zur Schaffung von Lebensräumen zur Steigerung der Biodiversität.

Baumpflanzungen in der Stadt sind auch in der öffentlichen Meinung positiv besetzt, in Zeiten knapper Kassen belegen Sponsoring und Aufrufe zu Pflanzaktionen dies in besonderem Maße. Sogar in politischen Wahlkämpfen werden sie wie aktuell in Berlin gern von den Parteien benutzt.

Aber ist das die reale Zukunft? Zeigen nicht gerade die beklagenswerten Pflegezustände der Stadtbäume in Mitteleuropa, die kontroversen Diskussionen um die Unfalltoten in den Alleen (ESAB), das häufig wenig funktionale Denken der Gründesigner, das Pro und Contra von Gartenschauen oder das Verbrennen von Stadtbäumen in kalten Wintern in Krisenzeiten, dass absehbar ganz andere Herausforderungen auf die Menschheit zukommen?

Die aktuellen Tagesmeldungen unter anderem aus Nordafrika, Japan oder den USA müssen aufrütteln. Die zunehmende Angst um bewohnbare Lebensräume, eine ausreichende Trinkwasserversorgung, genügend gesunde Lebensmittel und die Steuerung einer explodierenden Weltbevölkerung erfordern völlig andere Denk- und Handlungsweisen, will man Konflikten entgegensteuern und vielen Menschen ein Überleben ermöglichen.

Der Blick zurück zeigt, dass die Ernährungssicherung des Menschen allein durch intensive staatliche und private Entwicklungs- und Forschungsarbeiten zur Ertragsoptimierung der Pflanzenproduktion in Gartenbau, Forst- und Landwirtschaft kontinuierlich vorangetrieben wurde.

Hingegen blieben die Optimierungsbemühungen um die gesicherte vitale Verwendung von Bäumen unter den besonderen Bedingungen der Stadt bis heute relativ bescheiden und erhielten erst in den letzten Jahren punktuell Antrieb. Es muss der Fingerzeig erlaubt sein, dass nicht ideologisches Denken und ein Verniedlichen der Probleme der Menschheit weiterhilft, sondern rein sachlich orientiertes Handeln. Von daher sind auch die Lagerbildungen in der Baumpflegeszene, die zu wenig optimierte Ausbildung, der Gutachterstreit um Verfahren, Geräte und Methoden oder die Kommerzialisierung von Seminaren letztlich wenig hilfreich. Vielmehr prägt das „Geschäft mit dem Baum“ das Denken und Handeln vieler Beteiligter.

Dies muss bei den schwindenden finanziellen Ressourcen der kommunalen Haushalte, den sich verändernden Klimabedingungen, den Auswirkungen der Globalisierung sowie den erhöhten Allergiepotenzialen zunehmend kritisch gesehen werden. Gefragt sind in dieser Situation nicht nur Forschungsinitiativen, sondern begleitend werbewirksame Aufklärungsaktionen, beispielhafte Qualitätsbegrünungen und nachhaltige Zukunftsvisionen. Viele Industriebereiche machen dieses bei den erforderlichen Anpassungsprozessen in einer sich verändernden Welt erfolgreich vor.

Berlin ist mit einer Gartenkultur des 18. und 19. Jahrhunderts und dem fachlichen Wirken seiner damaligen Akteure weltweit für seinen großen Baumbestand bekannt, hingegen liefert der Ausbau Berlins nach der politischen Wende mit vielen städtebaulichen Veränderungen viel Diskussionsstoff. Von daher ist das Spannungsfeld des Stadtgrüns in allen seinen positiven und negativen Facetten allen Ortes präsent.

Deshalb könnte von dieser Stadt in enger Kooperation mit der ISA eine beispielhafte Qualitätsinitiative ausgehen, die auch die Fragen der Zukunft beantwortet, unter anderem die Bedeutung und die Wege zur erfolgreichen nachhaltigen Schaffung funktionalen hochwertigen Grüns zur Lebensraumgestaltung einer modernen Stadt aufzeigt.

Die ISA Germany sollte sich daher nicht weiter „verstecken“, sondern sich maßgeblich an vorderster Front in der Öffentlichkeit an dieser Herausforderung messen. Ansonsten fehlt der ISA die glaubwürdige Zukunftsvision.

Prof. Dr. Hartmut Balder

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