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06. 12. 2013

Wie viel sind 20 Prozent?

Wie genau die im Gutachten gewünschte Kroneneinkürzung durchzuführen ist, bleibt meist den Baumpflegern selbst überlassen. Foto: Hofmann

Als Baumpfleger werde ich regelmäßig mit Aufträgen konfrontiert, deren Maßnahmen aus eingehenden Baumuntersuchungen resultieren. Oft kann ich meinem Wissensstand entsprechend die geforderten Eingriffe jedoch nicht nachvollziehen und tendiere dazu, den gewünschten Eingriff für übertrieben zu halten.

Auch die Reaktionen vieler meiner Kollegen lassen vermuten, dass Baumpfleger immer wieder Probleme mit Baumgutachten haben. Allzu oft wird die Nase über Gutachter gerümpft, Aussagen wie „Gutachter sind Feiglinge, die bei kleinsten Schäden schon massive Einkürzungen propagieren“ oder „die schauen sich einen Baum vom Boden aus an und meinen, das würde ausreichen um die Statik zu begreifen“ höre ich immer wieder. Gleichzeitig kontern die Sachverständigen mit: „Die Baumpfleger haben leicht reden! Turnen durch einen Baum und meinen, nur weil er sie tragen kann, ist er bruch- und standsicher.“ Oder aber: „Die Baumpfleger stehen nicht annähernd in der Haftung wie wir Gutachter“.

Sicherlich sind derlei Aussagen und Vorwürfe subjektiv und Verallgemeinerungen entsprechen selten der Wahrheit. Vielmehr resultieren sie aus Unwissenheit, die durch intensivere Kommunikation recht einfach aus der Welt zu schaffen wäre. Es erfordert einen engeren Austausch zwischen Baumgutachtern, Auftraggebern und den ausführenden Baumpflegern, um einerseits die vorgegebenen Maßnahmen zu verstehen und anderseits um den Baum nach bestem Wissen zu behandeln.

Erste Unverständlichkeiten schon bei Ausschreibungen

Erste Unverständlichkeiten ergeben sich bereits bei Ausschreibungen und Angebotseinholungen. Auftraggeber kopieren die vom Gutachter festgelegten Maßnahmen in ihr Leistungsverzeichnis, zum Beispiel „Kroneneinkürzung 20%“. Der kritische Baumpfleger steht daraufhin vor dem Baum und fragt sich, sofern kein Schaden visuell erkennbar ist, warum ein solch starker Eingriff nötig sein sollte. Vielleicht holt er noch seinen Gummihammer heraus und klopft den Stamm ab, wobei dies, wie wir alle wissen sollten, keine Garantie für die Erkennung von Hohlräumen ist. Schon tendiert der Baumpfleger dazu, die Maßnahmen in Frage zu stellen.

Ein engagierter Baumpfleger würde dann den Auftraggeber konsultieren, weshalb ein solcher Rückschnitt von Nöten sei, wo doch der Baum einen durchaus gesunden und stabilen Eindruck mache. Der optimale Verlauf wäre eine Einsicht in das entsprechende Baumgutachten, aus dem klar hervorgehen sollte, welcher Schaden mit welchen Mitteln diagnostiziert wurde.

Als Beispiel: „Aufgrund einer fortgeschrittenen Stockfäule (Beweise durch Resistographen oder Schalltomographie) verfügt der Baum über geringe Restwandstärken im Bereich des Stammfußes. Um die Stand- und Bruchsicherheit des Baumes zu gewährleisten, sollte die Windangriffsfläche reduziert werden“. Anhand von bestehenden Forschungsergebnissen (Windlastanalysen, SIA o. Ä.) empfiehlt der Gutachter das Maß der Einkürzung. Somit wird eine klare Aussage aufgrund eines nachweisbaren Schadens gemacht, einzig das Maß des Rückschnitts ist diskutabel.

Man kann sicherlich die Daten kritisieren, die der Gutachter als Basis für seine Empfehlung nutzt. Dort finden sich nämlich weitere Unverständlichkeiten. Die Forschungswelt der Baumdiagnostik ist ein noch sehr junges Fachgebiet, sie scheint dabei bereits derart zerstritten, dass viele unterschiedliche Meinungen als der jeweils einzig wahre Weg dargestellt werden. Dabei kommt es mir so vor, als gäbe es noch keine 100%igen Grundlagen, auf denen basierend eindeutige Aussagen möglich wären.

Zudem darf man nicht verkennen, dass jeder Baum ein Individuum ist, ob seine Art nun lang- oder kurzfaseriges Holz bildet, ring- oder streuporig wächst, sehr hartes Kernholz bildet oder nicht. Weiterhin ist die Umwelt des Baumes zu beachten: Lebt er in einer vermeintlich guten Umwelt, mit sauberer Luft, ausreichendem und gutem Boden?

Kronen einkürzen – aber wie?

Sogar unter Baumpflegern wird immer wieder die vermeintlich richtige Weise der Kroneneinkürzung diskutiert. Da gibt es Kollegen, die meinen, Windangriffsflächen am besten durch Einkürzungen in der Höhe zu reduzieren, andere meinen, eher die Seiten kürzen zu müssen. Durch Einkürzungen verändere sich das Schwingungsverhältnis des Baums und deswegen könnten Einkürzungen auch gefährlich sein. Sicherlich haben alle Parteien partiell Recht, doch hilft das nicht bei der Durchführung von vorgegebenen Maßnahmen.

Nun hat der Sachverständige in unserem Fall eine Kroneneinkürzung von 20 % bestimmt und schon ergeben sich weitere Unverständlichkeiten: Wie viel ist denn nun 20%? Die ZTV-Baumpflege beschreibt Kroneneinkürzung wie folgt: „Die gesamte Krone ist in ihrer Höhe und/oder ihrer seitlichen Ausdehnung entsprechend den Erfordernissen der Verkehrssicherheit und/oder des Baumumfeldes einzukürzen.“ Nun gut, 20% der Krone, das ist eindeutig, aber in der Höhe oder doch lieber in der seitlichen Ausdehnung? Das bleibt meist dem ausführenden Baumpfleger überlassen. Viele Gutachter versehen ein Bild des untersuchten Baumes mit einer Linie, welche die Höhe markiert, auf die eingekürzt werden soll. Diese Linie wird aus der Perspektive des am Boden Stehenden gezeichnet, im Baum jedoch erscheinen uns Baumpflegern die Vorgaben oft sehr rabiat, Schnitte im Grobastbereich bis hin zum Starkastbereich wären nötig.

Wiederholt werde ich auch mit Angaben wie „Kroneneinkürzung 30 %“ oder gar „Kroneneinkürzung 40 %“ konfrontiert. Schnell habe ich dann die ZTV in der Hand, in der steht: „Der Umfang der Einkürzung ... soll höchstens 20 % betragen.“ Der Gutachter kontert, diese Passage sei kursiv geschrieben und damit eine Empfehlung und keine Regel. Und doch verwirrt mich eine solche Aussage, denn gewollt ist eindeutig eine Einkürzung der Krone. Die Prozentzahl suggeriert jedoch einen Kronensicherungsschnitt.


Die Kommunikation verbessern

All diese Diskrepanzen könnten recht einfach aus der Welt geschafft werden, wenn die Kommunikation zwischen Gutachtern, Auftraggebern und ausführenden Baumpflegern verbessert würde. So könnten die Gutachter ihre Empfehlungen präziser beschreiben, als Beispiel: „Empfohlen wird eine Kroneneinkürzung von 20 %, wobei der Baum um mindestens 2,0 m in der Höhe und 1,5 m in der Breite reduziert werden sollte. Schnitte im Grobastbereich können aufgrund der Vitalität des Baumes in Kauf genommen werden, Schnitte im Starkastbereich sollten vermieden werden.“ Solch klare einheitliche Angaben reduzieren so manche Unstimmigkeiten.

Seitens der Auftraggeber wäre es wünschenswert, wenn die Angaben möglichst umfangreich weitergeleitet würden, vielleicht zusätzlich mit den Kontaktdaten des Gutachters versehen, sodass gezielte Rückfragen möglich sind. Von den ausführenden Baumpflegern wäre zu erwarten, dass sie den Gutachtern und den festgelegten Maßnahmen ohne Vorurteile begegnen. Sollten sie dennoch Zweifel haben, wäre ein Austausch mit Auftraggeber und Gutachter der sinnvollste Weg zu einem Konsens.
Jan von Hofmann

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